Kompetenzverlagerung vom Mensch zur Maschine

Ein echter „Hidden Champion“ der letzten Jahre ist sicherlich Kraft Maschinenbau aus Rietberg. Nicht nur im Bereich Türenproduktion gilt das Unternehmen als Lösungsanbieter Nummer 1. Jetzt hat sich der Maschinenbauer, der sich als Vorreiter in der Automatisierung sieht, durch eine Mehrheitsbeteiligung an der Becker Sondermaschinenbau GmbH im Bereich Verpackungstechnik „verstärkt“. Die „möbelfertigung“ traf Inhaber Markus Hüllmann zu einem Gespräch.

 

möbelfertigung: Herr Hüllmann, Sie sind mit Ihrem Unternehmen Kraft Maschinenbau in verschiedenen Branchen unterwegs. Inwieweit verstehen Sie sich als Sondermaschinenbauer – oder bieten auch „Standards“ an?

Markus Hüllmann: Wir fangen unsere Projekte nicht mit einem komplett weißen Papier an und denken uns etwas gänzlich neu aus. Wir arbeiten mit Baukästen, um spezielle Konzepte zu schaffen. Für den Kunden ist es immer eine Sonderlösung, wir bedienen es allerdings mit einem „Grundstock“. Anders könnten wir die Komplexität nicht beherrschen mit einem Service der Maschinen und Anlagen über rund 20 Jahre, mit dem Ersatzteilangebot und ähnlichem. Ein gutes Beispiel sind Zargenproduktionen: Wir haben schon sehr viele Anlagen ausgeliefert. Und trotzdem ist bei jeder neuen Anfrage wieder etwas anders und wir benötigen rund drei Monate, bis ein Kunde ein entsprechend zugeschnittenes Angebot mit Preis erhält. Wäre alles Standard, ginge das deutlich schneller.

 

möbelfertigung: Wie wichtig ist die Möbelindustrie als Abnehmerindustrie?

Markus Hüllmann: Es ist ein wichtiger Absatzkanal für uns – allerdings ist es eine klare Unternehmensstrategie, uns nicht ausschließlich auf eine Industrie zu fokussieren. Schlicht und ergreifend, um nicht zu abhängig zu sein

und das Unternehmen sicher aufzustellen mit mehreren Standbeinen. Aber die Möbelindustrie ist und bleibt bedeutend für uns, denn in der langen Unternehmenshistorie ist Kraft nach dem zweiten Weltkrieg in der Region um den Standort herum vor allem mit der Möbelindustrie gewachsen. Gerade die Entwicklung hin zur Losgröße 1 statt Serienproduktion – vor 20 Jahren noch undenkbar – bietet uns viel Potenzial. Wir erwirtschaften bis zu 30 Prozent des Umsatzes mit Herstellern von Möbeln.

 

möbelfertigung: Wir hatten ein „Sonderjahr“ 2020 und blicken auf ein Jahr Pandemie zurück. Wie lief es für Kraft?

Markus Hüllmann: Wir sind trotz aller Umstände wirklich gut durch die Pandemie gekommen bisher. Wir haben als Unternehmen die Auswirkungen von Corona natürlich „zu spüren bekommen“, beispielsweise indem wir die lange vorher ausgearbeiteten Zeitpläne für den Bau und dann auch die Auslieferung großer Anlagen häufig anpassen mussten. Die Nachfragesituation war stabil auf hohem Niveau. Ich bin wirklich stolz darauf, dass die gesamte Belegschaft alles so gut mitgestemmt hat, auch wenn wir immer wieder vor neuen Regeln und Herausforderungen standen. Es gab durchaus unkalkulierbare Risiken für Mitarbeiter, beispielsweise bei Inbetriebnahmen in Regionen, wo es bei der Corona-Bekämpfung vielleicht weniger geordnet zugeht, als in Deutschland. Ich kann den Mitarbeitern hierfür nur meinen Dank aussprechen.

 

möbelfertigung: Gab es durch die Corona-Pandemie neue Chancen für Ihr Unternehmen?

Markus Hüllmann: Vielleicht nicht unmittelbar, aber dennoch als erfreuliche Folge: Beispielsweise wirken sich die guten Verkaufszahlen der Möbelindustrie dahingehend aus, dass in die Produktionen investiert wird. Davon profitieren wir. Zudem bin ich der Meinung, dass sich in Krisenzeiten beweist, was ein verlässlicher Partner und ein belastbares Unternehmen ist. Die Verbindung zu langjährigen Kunden ist im vergangenen Jahr noch einmal intensiver geworden, denn manche Dinge waren nur gemeinsam zu bewältigen. Ich denke beispielsweise an den Service. Das war sicherlich nicht bei jedem Unternehmen der Fall.

 

möbelfertigung: In welcher oder welchen Technologie(n) sehen Sie Ihr Unternehmen als Vorreiter?

Markus Hüllmann: Zwei Dinge stechen hervor: Zum einen die Verpackungstechnik und die Automatisierungstechnik. Bei der Verpackung ist es das Know-how, bei der Automatisierung die Art und Weise, wie wir Kundenwerte schaffen. Es ist eine Herausforderung, dass wir immer größere und komplexere Anlagen haben, mit Bedienern, die manchmal keine Top-Ausbildung besitzen. Darum benötigen wir eine Kompetenzverlagerung vom Maschinenbediener hin zur Maschine. Und wir liefern optimale Antworten auf diese Ausgangslage. Wir sind groß genug, um uns eine Entwicklungsabteilung leisten zu können, die sich nur mit Infrastrukturfragen auseinandersetzt.

 

möbelfertigung: Wenn Sie auf das Produktportfolio blicken: Auf welche Installation sind Sie besonders stolz?

Markus Hüllmann: Wir haben in der letzten Zeit einige integrierte Verpackungslösungen entwickelt und gebaut, die den Bereich Verpackung wirklich auf ein neues Niveau heben. Das Stichwort hierbei ist Nachhaltigkeit – aus meiner Sicht kein Modethema. Sondern eines, das uns alle angeht und zu dem wir alle etwas beitragen können. Insofern freut es mich, dass es uns gelungen ist, bei Projekten in Losgröße 1 mit nachhaltigen Materialien Produkte schonend und doch sicher industriell zu verpacken. Das können nicht viele. An diesem Punkt greifen unsere Teilbereiche Intralogistik, Robotik, Automatisierungs- und Verpackungstechnik ideal ineinander

 

möbelfertigung: Verpackung ist ein gutes Stichwort: Sie haben im Mai eine Mehrheitsbeteiligung an der Becker Sondermaschinenbau GmbH erworben. Wie kam es dazu?

Markus Hüllmann: Ähnlich wie bei Kraft vor einigen Jahren, suchte Becker für die Weiterführung nach einer neuen Perspektive. Becker ist seit 30 Jahren am Markt und schnell gewachsen, hat mittlerweile 170 Mitarbeiter. Eine Nachfolgeregelung gestaltete sich allerdings anspruchsvoll. Für Jörg Becker als ehemaligen Inhaber war es wichtig, frühzeitig die Weichen zu stellen, damit das Unternehmen nachhaltig gut funktioniert. Gemeinsam mit der Expertise von Becker werden sich unsere Möglichkeiten noch einmal erweitern. Die Übernahme eines Unternehmens ist im Prinzip auch nichts Neues: Jörg Timmermann, der Ferdinand Kraft und mich seit April 2020 in der Geschäftsführung unterstützt, ist ein früherer Wegbegleiter aus der Zeit bei der Gea Group. Und wir haben als Angestellte mehrfach die Übernahme von Unternehmen gestemmt, wissen worauf es ankommt und wie wir am besten vorgehen. Und wissen auch das Zukunftspotenzial einzuschätzen. Nachdem wir den Markt sondiert hatten, kamen wir zum Schluss, dass wir uns ein Wachstum mit und durch Becker gut vorstellen können.

 

möbelfertigung: Schlucken Sie damit einen Marktbegleiter? Wie geht es bei Becker weiter?

Markus Hüllmann: Natürlich waren wir in einigen Situationen Wettbewerber. Ich halte es aber grundsätzlich für keine gute Idee, einen Markt von Wettbewerbern „zu bereinigen“. Denn dann steht morgen der nächste vor der Tür. Zudem machen sie diesen teuren Schritt für alle weiteren Wettbewerber mit. Wir haben mit Becker ein Produktportfolio, das sich vielfach mit dem von Kraft ergänzt und nur in manchen Bereichen überschneidet. Wir sind keine Restrukturierer, wollen nicht alles auf links drehen und gezwungenermaßen integrieren. Zumal Becker ein solides Unternehmen war und ist. Sondern wir wollen sinnvoll zusammenbringen. Becker hat genauso wie Kraft ein gutes Standing am Markt, einen eingeführten Namen und Mitarbeiter, die viel Know-how einbringen und sich mit Becker identifizieren. Das wollen wir erhalten, nicht einstampfen. Jörg Becker wird weiterhin Geschäftsführer sein. Wir wollen auf jeden Fall zeitnah die Labels der Unternehmen angleichen, damit deutlich wird, dass alles aus „einem Hause“ kommt.

 

möbelfertigung: Gab es vorher schon einen Firmenkontakt? Wie wichtig war die Nähe?

Markus Hüllmann: Ja, es gab im Vorfeld Kontakt, wir kannten uns. Kraft und Becker sind regional stark verwurzelte Hersteller und es liegen nur fünf Kilometer zwischen den Standorten – das hat die Entscheidung positiv beeinflusst. Auch

wenn wir mit allen Schritten am Anfang sind, ist es ein Unterschied, ob man sich für eine persönliche Abstimmung kurz ins Auto setzt oder sich per Teams-Sitzung austauscht, weil 500 Kilometer dazwischenliegen. Und letztlich passt das Unternehmen Becker auch gut zu Kraft mit seinen über 400 Mitarbeitern und der langjährigen Firmenphilosophie.

 

möbelfertigung: Wo überschneidet sich das Portfolio, wo müssen Sie bereinigen?

Markus Hüllmann: Im Bereich Verpackungstechnik gibt es Überschneidungen – betrachten wir allerdings einzelne Maschinen dahinter, dann sind es tatsächlich eher Ergänzungen. Weil Becker einiges mit Stanzen, Aufrichtern und Kartonverschluss macht, was bei Kraft nicht stattfindet. Kraft hingegen zählt eine sehr variable Kartonzuschnittmaschine zum Portfolio, die es bei Becker so nicht gibt. Bei der Maschinentechnik muss demnach nichts begradigt werden. Vom Kundennutzen her gedacht kann es sich dennoch überschneiden, weil mit verschiedenen Wegen ein ähnliches Ergebnis erzielt wird. Hier müssen wir mit dem Vertrieb Redundanzen abwägen und die jeweils beste Variante mit dem Kunden ausloten. Grundsätzlich soll Becker für den Bereich Verpackung „den Hut aufhaben“. Die Automatisierung größerer verketteter Anlagen wiederum soll über Kraft gesteuert werden.

 

möbelfertigung: Welche Vorteile ergeben sich für den Kunden bei Kraft und Becker?

Markus Hüllmann: Es gibt in Zukunft nur noch einen Ansprechpartner. Sowohl was die Verpackungstechnik angeht, als auch große, übergeordnete Systeme. Damit meinen wir wirklich Lösungen aus einer Hand. Darüber hinaus können unsere Kunden künftig auf ein noch breiteres Produktspektrum ganzheitlich zugreifen – ein klarer Mehrwert.

 

möbelfertigung: Was sind die nächsten Schritte des Zusammenschlusses?

Markus Hüllmann: Wir haben einen Leitungskreis mit mehreren Personen gebildet, genauso wie Arbeitsgruppen mit jeweils einem Koordinator in beiden Unternehmen und befinden uns aktuell noch in der Bestandsaufnahme. Um zu entscheiden, was wir anders oder besser machen können, müssen wir wissen, was wir überhaupt können. Im Idealfall ergeben sich Veränderungen aus dem Unternehmen heraus und nicht als Vorgabe der Chefetage. Für dieses Vorgehen haben wir einen konkreten Zeitplan. Und entsprechend werden wir Maßnahmen ableiten – abgesehen natürlich von den Dingen, die bereits jetzt offensichtlich sind. Wie die Vereinheitlichung des Vertriebs, des Einkaufs und der Administration. Dies soll bis Jahresende passieren. Und natürlich werden wir uns mit den wertschöpfenden Prozessen beschäftigen: Wie steuern wir die Projektierungskapazitäten, wie die Entwicklung, welche Zeichnungssysteme nutzen wir gruppenweit, wie steuern wir den gemeinsamen Service – solche Dinge. Wir haben dazu gewisse Hypothesen, dies sind aber keine bereits festgelegten Entscheidungen. Und bei allem gilt immer: Wir wollen eine nach vorn gerichtete, nachhaltige Lösung für Becker.

 

möbelfertigung: Hinter einem Unternehmen stehen letztlich immer Menschen. Glauben Sie, dass Becker und Kraft schnell zusammenwachsen werden?

Markus Hüllmann: Im ersten Moment waren die Mitarbeiter bei Becker sicherlich überrascht. Kein Unternehmen wird gerne „geschluckt“. Aber so soll es auch nicht sein. Wir haben in letzten Jahren bei Kraft sicherlich bewiesen, dass es im positiven Sinne vorwärts gehen kann mit einem Unternehmen, auch wenn dafür an einigen Stellen Veränderungen notwendig sind. Wir sind nicht nur beim Umsatz, sondern auch in der Mitarbeiterzahl seit 2016 deutlich gewachsen. Zudem hat sowohl Kraft, als auch Becker eine hohe Ausbildungsquote. Allein bei Kraft scheiden etwa fünf Mitarbeiter pro Jahr aus Altersgründen aus, 15 neue kommen über die Ausbildung dazu, wovon im Schnitt 10 bleiben und sich gegebenenfalls mit Kraft weiterentwickeln. Dadurch verjüngt sich das Unternehmen ständig, was sicherlich beim Prozess des Zusammenwachsens hilft.

 

möbelfertigung: Sind Investitionen geplant – oder notwendig bei Kraft oder Becker?

Markus Hüllmann: Wir investieren bei Kraft grundsätzlich regelmäßig. Und werden dies auch bei Becker tun. Allerdings sind es keine Investitionen, die nötig sind aufgrund eines Investitionsstaus. Sondern weil wir mit den richtigen Investitionen in Langenberg eine noch bessere Performance erzielen können. Wir verfolgen die Philosophie, selbst größere Anlagen komplett aufzubauen und in Betrieb zu nehmen und erst dann zum Kunden auszuliefern. Statt einzelne Bausteine zu fertigen und dieses „Lego“ beim Kunden zusammenzufügen. Wir vermeiden damit die ein oder andere Problemstellung, denn wir haben alle Spezialisten im Haus und können sofort nachjustieren, müssen nicht zusätzlich jemanden zum Kunden entsenden. Dieses Vorgehen streben wir auch bei Becker an. Und in diesem Kontext sind weitere Investitionen möglich und wahrscheinlich.

Interview: Doris Bauer, Redaktion möbelfertigung